Fucking Famous - Leseprobe

(...) Helle Stimmen, aufgekratzt, eindeutig alkoholgeschwängert. Ein Haufen Jugendliche. Ich fasse es nicht. Was für eine einfallslose Generation. Tragen unsere 90er-Jahre Klamotten und behaupten das sei neu, hören ABBA, weil ihre eigene Hiphop-Scheiße grauenhaft ist, und jetzt okkupieren sie auch noch Berliner Uralt-Kneipen, weil das seit Neuestem als kultig gilt. 
Ich hebe die Hand und gebe dem Kellner hinter der Theke ein Zeichen, dass ich zahlen will. Nichts wie raus hier. 
Es dauert länger als gedacht, bar geht nicht, denn ich finde nur noch ein paar Cent in meiner Tasche, und das Kartenlesegerät hakt. Neben mir steht jetzt einer der Jugendlichen. 
Baggy Pants, NIKE-Treter, sponsored by Mutti, blonde Haare, vorne lang, hinten kurz, halb ins Gesicht gekämmt. Backstreet-Boys für Arme.
Der Bengel schaut auf das Kartenlesegerät und grinst mich an. 
»Probleme mit der Technik?«
Ich sage nichts, tippe nochmal meine Geheimzahl ein. Jetzt funktioniert’s. Der Kellner reicht mir den Beleg. 
Der Bengel steht immer noch da. Ich greife meine Jacke und drehe mich zum Gehen. In dem Moment reißt der Bengel die Augen auf. 
»Sag mal, bist du nicht diese Dings?«
Das hat mir jetzt noch gefehlt. 
Zwei besoffene Mädchen nähern sich der Theke. 
»Diese Dings? Was für eine Dings?«
Die eine steht jetzt vor mir. Pimkie-Jeansjacke, zu viel Drogerie-Schminke, Harley-Quinn-Frisur. Ich versuche noch den Kopf zu senken, dass mir Haare ins Gesicht fallen, aber es ist zu spät. 
»Neee! Geil, das ist diese Hohenfeld-Tante!«
Jetzt steht eine Traube Jugendlicher um mich rum. 
»Voll lit, ey, wie abgefahren!«
Ich ziehe meine Jacke an und tue so, als wäre ich nicht gemeint. 
Einer der Bengel zückt sein Smartphone und drängelt sich neben mich. 
»Ein Selfie bitte!«
Jetzt werde ich sauer. 
»Sag mal, hakt´s bei dir? Pack die Möhre weg.« 
»Hihi«, kichert das Harley-Quinn-Mädchen, »hat sie gerade Möhre gesagt?«
Der Bengel mit dem Smartphone hebt die Hände: 
»Ok, Boomer, schon gut. Kein Selfie. Das triggert dich voll, was?«
Entgeistert starre ich ihn an. 
»Boomer? Hast du mich gerade Boomer genannt?«
»Ja klar«, zuckt der Bengel die Schultern, »du bist doch über Vierzig? No front, Lady.«
Ich fasse es nicht. 
Ich schiebe die Mädchen, die vor mir stehen, zur Seite und gehe Richtung Tür. Jetzt gilt es Ruhe zu bewahren. Bloß keine Hektik anmerken lassen. Ich habe alles unter Kontrolle. Was nur so halb stimmt, denn ich merke die drei Bier in den Beinen. 
»Die Alte ist ja völlig lost«, höre ich jemanden sagen, dann fällt die Kneipentür hinter mir zu. Gott sei Dank. 
Scheiße, es regnet. Auf ein Uber warten geht jetzt nicht, ich muss dringend weg hier, sonst folgt mir das GenZ-Pack noch. Einfach verschwinden. Ich fange an zu laufen. 
Ich merke, wie ich immer schneller werde. Hinter mir höre ich Stimmen, es könnten Jugendliche sein, vielleicht irre ich mich aber auch. Umdrehen geht nicht, ich muss weg. Das Haar klebt mir im Gesicht, noch zwei Straßen, dann kommt der Kollwitzplatz. Um den Pfützen auszuweichen, verfalle ich in so eine hüpfende Schrittfolge, es muss ziemlich bescheuert aussehen, wie wenn Mr. Bean auf einem unsichtbaren Steckenpferd durch Berlin galoppiert.
Plötzlich merke ich, dass meine Beine nachgeben. Verdammt, ich strauchle. Im nächsten Moment braunes Pfützenwasser vor meiner Nase. Ich stütze mich mit den Händen auf, scheiße, das tat weh. Ich merke einen sauren, leicht beißenden Geruch in der Nase. Mühsam beginne ich mich aufzurappeln, meine Hose ist komplett nass. Ein verwahrloster Alt-Junkie lehnt neben mir an der Hauswand und grinst mich zahnlos an. 
Angewidert strecke ich meine Hände von mir weg, denn ich weiß jetzt, was daran klebt: frisch Erbrochenes. Ich fühle, dass mir gleich schlecht werden wird. Aber bevor das passiert …
… macht es »Klick«. Ich schaue reflexhaft hoch … und nochmal »Klick«, ein Smartphone-Blitz blendet mich, jemand fotografiert mich.
»Sag mal, hat die Kotze im Gesicht?«
Helles, jugendliches Gelächter folgt.
»Die ist echt mega cringe, die Alte!«
Aber halt, hier muss ich kurz unterbrechen. Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht. Das hier ist nicht das Ende der Geschichte. Und auch nicht der Anfang. Welche Heldin wird bitte gleich zu Beginn ihrer Reise gedemütigt? Na also. Um zu verstehen, was hier abgeht, gehen wir also lieber ganz zum Anfang zurück. Irgendwie habe ich das Bedürfnis, all das hier zu erklären. Der geneigte Leser soll verstehen, wie sich gewisse Dinge entwickelt haben. Ist nicht Bekenntnisliteratur auch gerade angesagt? Man lässt komplett die Hosen runter und fungiert quasi als Seismograph, um generelle Entwicklungen sichtbar zu machen. Oder so ähnlich. 
In eine missliche Situation wie diese zu geraten, ist ganz und gar nicht meine Art. Ich meine, hallo, eigentlich bin ich ein ganz normaler Mensch. Zumindest war ich das mal. Ehrlich. Und zwar noch vor anderthalb Jahren. (...)
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