Hashtag #DDR- Leseprobe

Der Generalmajor, ein stämmiger Mann mit schütterem weißem Haar, ließ nicht nur Perry täglich aus der Einzelzelle in diesen Verhörraum bringen. Wie viele Systemgegner, Querulanten, Imperialisten er schon in diesem Raumverhört hatte – stunden-, ja tagelang. Perry war eine der besonders harten Nüsse. Kaulitz mochte solche Herausforderungen – zumindest dann, wenn sie irgendwann zu Erfolgen führten.

Es waren inzwischen vier oder fünf Stunden vergangen. Auf dem harten Stuhl spürte Perry sein Gesäß nicht mehr, ihm taten die Beine weh. Niemand gab ihm etwas zu trinken. Perry wusste nicht, wie lange er das noch durchhalten würde. Von Tag zu Tag fiel es ihm schwerer, sich auf diesem Stuhl zu halten. Doch sein Wille war stark. Er dachte einfach nur an seinen Vater – und stärkte damit seinen Kampfeswillen. Oder er schwärmte von seiner großen Liebe und milderte mit den Gedanken an sie die Schmerzen.

»Ihre Schwester studiert. Aber es könnte der Tag kommen, an dem sie an der Universität nicht mehr erwünscht sein wird. Das könnte schon morgen sein. Ich muss nur einmal zum Telefon greifen. Also strapazieren Sie meine Geduld nicht zu sehr!« Doch die psychologischen Folterversuche von Kaulitz hatte Perry längst durchschaut. In diesen Nächten, wenn das Neonlicht an der Decke seiner Zelle absichtlich nicht gelöscht wurde und sich in seinen Kopf einbrannte, hatte er sich eine Strategie überlegt, wie er die stundenlangen Verhöre in dem kargen Raum wohl am besten überstehen würde. Perry stellte sich einfach vor, er sei in einem satirischen Theaterstück. Dort unten sah er die Leute sitzen, die sich vor Lachen auf die Schenkel klopften. Es führte sogar so weit, dass Perry beim Verhör selbst gelegentlich ein Grinsen übers Gesicht zog. Das waren dann die Momente, in denen Kaulitz psychologisch außer Gefecht gesetzt war. Denn den Generalmajor ärgerte insgeheim nichts mehr, als wenn Perry grinste. Andere waren hier schon heulend zusammengebrochen, bettelten um Freiheit. Perry hingegen grinste einfach nur.

Perry hieß eigentlich Marc Ramelow und war einer der bekanntesten, vermutlich sogar der bekannteste Online-Aktivist der DDR. Seine Haft war zu einem Politikum geworden. Menschenrechtsorganisationen forderten seine Freilassung, ebenso westliche Politiker. Perry zu Ehren gab es Solidaritätskonzerte, Demonstrationen – und seit einigen Tagen ein YouTube-Video, das ein westdeutscher YouTuber namens Lonzo ins Netz gestellt hatte. Millionenfach war dieser Clip schon angesehen worden. Es ging darin nicht nur um Perry, sondern auch um die DDR an sich. Darum trug es auch den wenig bescheidenen Titel Die Zerstörung der DDR. Für Ulrich Kaulitz war dies noch mehr Antrieb, aus Perry endlich die Informationen herauszupressen, die er benötigte.

»Ihr Vater war auch so einer wie Sie. Ein Feind des Sozialismus. Ein Imperialist.« Kaulitz klappte ein vor ihm liegendes Tablet der Marke Robotron auf und wählte aus den Dateien auf dem Display ein Foto aus, das er mit einem Wischen auf Vollbild zog. Er drehte das Display Richtung Perry und zeigte ihm einen Mann mit vollem Haar, dessen Frisur und Kleidung eindeutig in den 80er Jahren zu verorten waren. Der Mann lächelte stolz. In seinem Arm hielt er ein Baby. – Es war Perry.

»Marc hat er Sie genannt. Mit C. International wollte er sein. Eine dümmliche Angewohnheit leider vieler Menschen in diesem Land. Die USA waren sein großes Vorbild. Einmal nach New York, das war sein großer Traum. Er hätte ausreisen können, wir haben es ihm angeboten. Aber nein, er wollte ja unbedingt bleiben. Er hatte diesen Traum von einer neuen DDR. Eine kapitalistische, imperialistische, unsoziale DDR, in der nicht mehr Arbeiter und Bauern, sondern einzelne milliardenschwere faschistische Weltkonzerne die Geschicke steuern. Mit terroristischen Mitteln und einer Gruppe von gewaltbereiten Schergen kämpfte er für dieses Ziel.« Kaulitz beugte sich nach vorn und f lüsterte. »Aber die DDR hat sich gewehrt. Im Sommer 1991, im Sommer 1992 und dann noch einmal nachdrücklich im Sommer 1993.« Perry sah das Bild seines Vaters nicht an. »Ihr Vater hat sein Leben verloren. Aber das war seine eigene Entscheidung. Er hat Sie im Stich gelassen, Marc – nur um seine ideologischen Ziele zu erreichen. Wollen Sie etwa genauso enden?«

Dieser karge Verhörraum bot nichts weiter als graue Wände, einen Tisch, zwei Stühle und das hinter Kaulitz hängende Bild des Staatsratsvorsitzenden Klipkow, das jedoch über 20 Jahre alt war und einen Mann Mitte 60 zeigte. Inzwischen war Klipkow schließlich weit über 80.

Perry, dessen schulterlange Haare nach Wochen mangelnder Hygiene fettig und angegriffen wirkten, war in dunkelblaue Häftlingskleidung gekleidet. Kaulitz trug eine graue Uniform, auf dessen Revers das Emblem der Deutschen Demokratischen Republik prangte.

»Aber immerhin: Der BRD hat diese unschöne Randnotiz der Geschichte einen Feiertag beschert, den 13. August. Sie nennen es ›Tag der Deutschen Einheit‹, wie sie jahrzehntelang schon den unsäglichen 17. Juni genannt haben, den sie natürlich dafür abgeschafft haben. Manche sagen, der 13. August sei als Feiertag einfach wirtschaftlich vernünftiger gewesen, weil da eh viele Menschen im Sommerurlaub sind. Das ist Kapitalismus, Marc. Oder ist es Ihnen lieber, wenn ich Sie Perry nenne?«

Das Smartphone war Perry weggenommen worden, seine Zelle hatte kein Fenster. Er wusste nicht, welches Datum war. Auf Nachfrage sagte es ihm niemand. Der Termin seiner Verhaftung war der 10. Juni 2023. Wie viele Wochen seitdem vergangen waren, wusste er nicht. Auch hatte er das Gefühl für Tag und Nacht verloren. Und doch fühlte er sich immer noch stark und voll funktionsfähig. Sie wollten ihn brechen, aber er kämpfte dagegen an. Im Moment hatte er heftigen Durst, seine Zunge klebte am Gaumen. Er freute sich auf die Rückkehr in seine Zelle, um dort am Waschbecken seinen Mund unter den Wasserhahn zu halten. Kaulitz wusste das. Er nahm einen Schluck Wasser aus seinem Glas. Er wusste, wie gern Perry jetzt auch etwas getrunken hätte. Deswegen zelebrierte der Generalmajor den Griff zum Glas geradezu.

»Marc, seien Sie doch vernünftig. Sie hatten doch auch ein Studium. Sie können dieses Studium wieder aufnehmen. Jederzeit. Nennen Sie mir einfach nur ein paar Namen. Ihren Mitstreitern wird nichts passieren, wir werden nur ein paar Fragen an sie stellen.«

Perry schwieg beharrlich. Er schaute Kaulitz nicht an, sondern pulte kleine Schmutzpartikel unter seinen Fingernägeln hervor. Seine Zelle wurde einmal wöchentlich notdürftig gereinigt. Am schlimmsten aber war, wie lange er schon keine frische Luft mehr eingeatmet hatte. Stattdessen musste er von dieser verdreckten Luft leben, die durch die klapprige Lüftungsanlage in die Zelle gepustet wurde. Der daraus resultierende trockene Dauerhusten setzte ihm zu. Aber er schwieg beharrlich.

Kaulitz beugte sich über den Tisch und kam Perry unangenehm nahe. Perry spürte den Atem des Generalmajors – eine Mischung aus Tabakrauch und Schnaps. Früher hätte Kaulitz in diesem Raum geraucht, aber das war seit fünf Jahren verboten. Auch in der DDR griffen Rauchverbote immer mehr um sich. Manchmal nahm er vor einem Verhör viel Knoblauch zu sich, um sein Gegenüber noch mehr zu quälen.

»Meine Güte, Marc. Sie sind 33 Jahre alt. Sind Sie nicht langsam etwas zu alt, um immer noch solchen kindischen Protest-Fantasien anzuhängen? Sie hätten Karriere machen kön- nen. Unser Land braucht solche Köpfe wie Sie. Sie könnten hier ein so schönes Leben haben und werfen es weg, weil Sie so ideologisch verbohrt sind.«

Kaulitz nahm ein neben seinem Stuhl auf dem Betonboden stehendes kleines Kästchen aus Hartpappe an sich und stellte es auf den Tisch. Perrys Blick wanderte nach oben, er schaute das Kästchen an. Kaulitz nahm den Deckel ab und ergriff schmunzelnd ein darin liegendes Smartphone. Perry erkannte sofort, dass es seines war. Kaulitz musterte das Gerät. »Natürlich ein amerikanisches Produkt. Die Mobiltelefone aus unserem Volkseigenen Betrieb sind Ihnen nicht gut genug, was?«

Perry grinste demonstrativ. Heute zum ersten Mal.

»Ich bin erstaunt, mit welch cleveren Methoden es gelingt, ein solches Telefon auch innerhalb des Telefonnetzes der DDR nutzbar zu machen. Dabei tun doch unsere Ingenieure alles, um das zu verhindern. Ich weiß sehr viel über Sie, Marc. Sie sind ein Kopfmensch, ein Philosoph. Aber Sie wären niemals in der Lage, ein ›Smartphone‹ aus dem Westen derart umzuprogrammieren.«

»Jailbreaken.« Es war Perrys erstes gesprochenes Wort an diesem Tag.

»Wie bitte?«

»Jailbreaken nennt man das. Ins Deutsche übersetzt: Aus dem Gefängnis ausbrechen.«

Kaulitz schmunzelte. »Jaja, diese amerikanischen Begrifflichkeiten. Daran ist abzulesen, wie beeinf lusst ihr alle von den Amerikanern seid. Selbst jetzt, wo so ein verrückter Präsident in Washington sitzt, der offen den Genossen in Moskau mit einem Nuklearkrieg droht, haltet ihr Holzköpfe immer noch zu diesen Amerikanern. Weil ihr verblendet seid.«

»Zumindest kann ich in den USA offen sagen, wenn ich den eigenen Präsidenten scheiße finde. In diesem Land hier werde ich dafür gleich eingesperrt.« Perry ärgerte sich sogleich, diesen Satz gesagt zu haben. Er wollte doch schweigen.

»Niemand verbietet Ihnen Ihre Meinung, Marc. Aber Sie missbrauchen das Internet der Deutschen Demokratischen Republik, um den Sozialismus zu bekämpfen. Und es steht Ihnen nicht zu, den Staatsratsvorsitzenden mit Fäkalbegriffen anzugehen. Sie finden es ja auch noch toll, wenn jemand wie dieser Lonzo Lügen über unseren Staat verbreitet.« Kaulitz wurde jetzt richtig laut und brüllte. Das war eigentlich nicht seine Strategie. Er bevorzugte die leise Folter, das langsame Zermürben seines Gegenübers. Deswegen kehrte er rasch zu einem zivilen Ton zurück. »Ich weiß genau, dass ihr mit diesem Lonzo und noch anderen Wirrköpfen aus dem Westen unter einer Decke steckt. Ich will wissen, was das für Verbindungen sind und wer dahintersteckt. Es muss irgendeine Verbindung geben, eine digitale Pipeline.«

Perry ließ sich nichts anmerken. Er nahm sich fest vor, für den Rest dieses Verhörs kein Wort mehr zu sagen. Und das sollte er auch durchhalten.

»Also schön, Marc. Die Konsequenzen ihres bockigen Verhaltens werden Sie selber verantworten müssen.«

 

Freitag, 21. Juli 2023 – Deutschlandfunk

»Ost-Berlin – Die DDR-Führung hat als Konsequenz aus dem veröffentlichten Video des YouTube-Stars Lonzo die Ständige Vertreterin der Bundesrepublik, Magdalena Lichtenberg, des Staates verwiesen. Das Video verbreite Falschbehauptungen über die DDR. Dass die Bundesregierung nicht einschreite, sei ein beispielloser Vorgang und belaste die diplomatischen Beziehungen nachhaltig. In Bonn erklärte Regierungssprecher Lutz Weinland, die Meinungsfreiheit sei ein hohes Gut. Daher sei es nicht Aufgabe der Bundesregierung, eine Löschung des Videos zu verlangen. Auch YouTube erklärte auf Anfrage, eine Löschung werde nicht vorgenommen, da das Video nicht gegen die Richtlinien verstoße. Der Clip mit dem Titel Die Zerstörung der DDR hat inzwischen fast 10 Millionen Abrufe. Lonzo prangert darin unter anderem die Inhaftierung des ostdeutschen Online-Aktivisten Perry an. Außerdem zitiert er aus internen Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit, wonach im Frühjahr vergangenen Jahres 50 Millionen Dosen des Impfstoffes MV-21 aus der DDR in die Bundesrepublik exportiert wurden, obwohl in der DDR ein Mangel an Impfstoffen und eine überdurchschnittliche Sterberate bei Covid-19 herrschten. Ähnliche Belege hatte kürzlich auch der TwitterAccount DDR-Leaks öffentlich gemacht.«

 

Freitag, 21. Juli 2023 – Hamburg, HafenCity

Lonzo nahm den Kopf hörer ab und richtete die Kappe, unter der er sein giftgrün gefärbtes Haar verbarg. Diese Kappe mit der Aufschrift »Oakland Raiders« war für ihn das wichtigste Utensil, um einigermaßen inkognito über öffentliche Straßen und Plätze gehen zu können. Noch idealer war das zusätzliche Tragen einer Sonnenbrille, um nicht an den großen grauen Augen erkannt zu werden, die regelmäßig in ein Kameraobjektiv schauten und von Lonzos 1,7 Millionen Abonnenten gesehen wurden.

Innerhalb weniger Tage hatte sich sein Bekanntheitsgrad noch vervielfacht. Die Zahl der Abonnenten war gar nicht mal stark nach oben geschossen, aber Die Zerstörung der DDR hatte an diesem sonnigen Freitagmorgen die 10-Millionen-Marke geknackt. Sogar im Ausland wurde darüber berichtet, selbst die »New York Times« zeigte einen Screenshot. Lonzo war wie im Rausch. Dass er, der in Deutschland erfolgreiche YouTuber ohne internationales Renommee, nun in bedeutenden ausländischen Zeitungen zum Thema gemacht wurde, war eine neue Dimension seines Daseins als prominente Netz-Persönlichkeit. Was ihm allerdings fehlte, war die Anerkennung durch etablierte und erfahrene Journalisten. Eher belächelt wurde er. Ja, er hatte den DDR-Staatsund Parteichef René Klipkow an einer Stelle versehentlich als Rainer Klipkow bezeichnet, dabei wusste er es doch sogar besser. Es war einfach ein Versprecher, der ihm in der Postproduktion nicht aufgefallen war. Ebenso hatte er gesagt, bei dem Massaker auf dem Alexanderplatz im August 1993 seien 97 Menschen gestorben, es waren aber 87.

War es Missgunst, die Lonzo von diversen Journalisten entgegenschlug? Er verstand diese teils bösartigen Artikel über ihn nicht. Und doch ahnte er das Motiv: Sie alle hätten auch gern exklusiv solche brisanten Unterlagen in die Hände bekommen, stattdessen kommt so ein oberf lächlicher YouTuber damit – diese Botschaft war in so manchen Kommentaren zwischen den Zeilen mehr oder minder deutlich zu lesen. Lonzo konnte sich noch so bemühen – er würde nie als Journalist anerkannt werden, sondern immer nur »der YouTuber« bleiben. Zunächst ärgerte sich Lonzo noch darüber, um dann aber in den vergangenen Tagen zu einer uralten Erkenntnis zu gelangen: Neid ist die größte Form der Anerkennung.

Nun stand Lonzo vor der Tür dieses berühmten deutschen Nachrichtenmagazins, dessen Onlineauftritt er sehr viel besser kannte als die Print-Ausgabe. Er war in den vergangenen Tagen hundertfach von unterschiedlichsten, auch ausländischen Presseorganen eingeladen worden. Sie alle drangen auf ein Interview, aber eigentlich wollte er das nicht. Er war schließlich kein richtiger Journalist, er war ein investigativer YouTuber – so sah er sich zumindest selbst. Und er befürchte- te, dass am Ende ein Artikel herauskommen würde, der eher versucht, ihn als unerfahren, naiv, oberf lächlich und irrelevant hinzustellen. In mancherlei Hinsicht war da ja auch was dran: Oft ging es in seinen Clips ja gar nicht um Politik, er hatte einfach nur Spaß mit Freunden und stellte diesen Spaß online. Seine treuesten und längsten Fans liebten ihn für seinen Quatsch, nicht für seine politischen Videos. Die Politik hatte er erst für sich entdeckt, als die Bundesregierung versuchte, ein Gesetz auf den Weg zu bringen, das vordergründig zwar gegen »Hass« im Netz dienen sollte, aber diesen »Hass« so schwammig definierte, dass auch eine deutlich formulierte Meinungsäußerung schon darunter fallen könnte. Lonzo bemerkte plötzlich, wie ihn und seinesgleichen ein Gesetz selbst betreffen könnte. Der andere deutsche Staat diente ja schließlich genug als abschreckendes Beispiel dafür, wie Meinungen unterdrückt werden konnten. Letztlich kam das Gesetz in der Form nicht – was sicher auch Lonzos Engagement dagegen zu verdanken war. Und damit hatte er Blut geleckt. Als YouTuber politisch etwas bewirken zu können – das war ihm erst durch diese Erfahrung bewusst geworden.

Lonzo arbeitete mit Aktivisten sowohl im Westen wie auch im Osten zusammen, seine Quellen stammten teilweise von Hackern, auch aus Kanälen zweifelhafter Herkunft. In der DDR war mit der D-Mark ohnehin viel zu bewegen. Selbst die treuesten Funktionäre hatten eine Schwäche für die harte Westmark – und das reichte ja bis in die oberste Etage der DDR, bis ins Politbüro.

Durch hervorragende Vernetzung mit diversen Online-Aktivisten in der DDR war es so weit gekommen, dass ihm geheime Unterlagen zugespielt wurden. Sie wurden ihm gezielt anvertraut und eben nicht etablierten Print-Produkten, denn Lonzo sprach die Sprache der Aktivisten und hatte die viel grö- ßere Reichweite. Er verschaffte sich Gehör in Kreisen, in die ein Printprodukt nie vordringen würde. Die Zeiten hatten sich im Zuge der Digitalisierung massiv geändert. Wenn Lonzo ein neues Politik-Video veröffentlichte, wurde darüber groß und breit berichtet. Seine Stimme hatte im Netz Gewicht bekommen – Die Zerstörung der DDR war der vorläufige Höhepunkt.

Vor allem seit der Inhaftierung von Perry war Lonzo durch besonders viel Aktivismus aufgefallen. Er sammelte Unterschriften, startete Petitionen und versuchte, den Druck zu erhöhen – allerdings ohne großen Erfolg. Perry blieb weiterhin in Haft. Was Konzerte und Demonstrationen nicht zu bewegen vermochten, schaffte auch er nicht – schon gar nicht in der DDR. Wobei die Nachricht dieses Morgens, die über alle Ticker lief, ja auch mit seinem jüngsten Video zu tun hatte: Dass die Ständige Vertreterin der Bundesrepublik die DDR verlassen musste, war eine direkte Folge dessen. Lonzo wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Es war das erste Mal, dass eines seiner Videos konkrete personelle Folgen hatte. Hatte er damit seinem Ziel, nämlich Perry aus der Haft zu bekommen, einen Dienst erwiesen?

Dass er hier in die Räumlichkeiten dieses renommierten Magazins eingeladen wurde, das war schon etwas Besonderes. Dieses Magazin hatte eine besondere Magie. In seiner Familie war es seit Jahrzehnten abonniert und gelesen worden. Sein Vater gehörte zu den Stammlesern. Lonzos Kindheit war auch dadurch geprägt, dass diese Zeitschrift oft auf dem Wohnzimmertisch lag.

Lonzo öffnete eine beeindruckend mächtige Glastür und betrat das abstrakte Gebäude in der Hamburger HafenCity. Ein Empfangstresen mit zwei Damen, beide etwa Mitte 20, also in seinem Alter, war die erste Hürde, die ein Besucher hier zu nehmen hatte. Die eine Dame war blond, ihre schwarzhaa- rige Kollegin schien einen Migrationshintergrund zu haben. Es war sicher kein Zufall, dass dieses große politische Magazin bereits mit dem Personal am Empfang offensichtlich seine Vielfalt und Weltoffenheit verdeutlichen wollte.

Lonzo verstaute den Kopf hörer in seinem Rucksack, dann lächelte er die Frauen freundlich an. Hinter ihnen waren in einer riesigen Collage legendäre Titelseiten aus der über 75-jährigen Geschichte des Magazins zu sehen. Lonzo warf einen f lüchtigen Blick drauf: die Wiederbewaffnung in den 50ern, die Studentenproteste in den 60ern, der R AF-Terror in den 70ern, die »Wende« im Jahr 1982 mit der Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler, seine Abwahl 1990, das Massaker auf dem Alexanderplatz im Jahr 1993 bis hin zur Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten im Jahr 2017.

»Hallo, ich bin Lonzo. Ich habe einen Termin mit Herrn Brinkhaus.«

Lonzo erntete freundliche Blicke von beiden Damen. Er konnte nicht deuten, ob sie ihn beide kannten oder ob das einfach nur ein professionelles Lächeln war.

»Herr Brinkhaus wartet oben schon.« Die Blonde kam um den Tresen herum. »Es ist im 6. Stock, ich bringe Sie direkt hin.«

»Nice.«

»Moment«, rief die dunkelhaarige Kollegin, die weiterhin hinter dem Tresen saß, »ein ganz kurzes Selfie? Ist das möglich?«

»Aber klar.« Lonzo brachte sich in Position und schmiegte seine Wange an die der Empfangsdame. Dann wurden zwei Fotos gemacht. »Wie schön, dass solche Kuschelfotos endlich wieder möglich sind, hm?«

»Eigentlich nicht. Aber bei so einem berühmten Besucher.« Die Schwarzhaarige zwinkerte flirtend.

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