Apfelgelb - Die heimliche Liebe des Malers

... sich keine gemalten Bilder leisten, schienen aber dennoch so auf ihre Schönheit bedacht zu sein, dass sie sich über die schnell dahin gekritzelten Skizzen freuten. Er verkaufte die Entwürfe für drei bis fünf Schilling. Es reichte, um sich abends mit ein paar Bierkrügen den Magen und die Seele zu wärmen. Danach schlief es sich leichter unter freiem Himmel. Manchmal hatte er Glück und die eine oder andere Wirtsfrau hatte Mitleid mit ihm und gedachte ihm einen Platz in der Speisekammer oder in einem der leerstehenden Zimmer zu. Doch nicht jede Frau in Delft war so herzensgut. Oft wurde er aus Gassen verjagt, wenn er sich erschöpft gegen eine Häusermauer lehnte, um die Augen für einige Sekunde zu schließen und an seine Heimat zu denken. Dann leerte sich über seinem Kopf ein Nachttopf, ein Diener schlug ihn mit einem Holzscheit oder die Pferde einer Kutsche trampelten ihn fast zu Tode.
So erbarmungslos und brutal hatte er sich die große Handelsstadt Delft nicht vorgestellt. Als er den Hof, auf dem er aufgewachsen war, verließ, um sein Glück zu machen, hatte er große Erwartungen an die angeblich aufblühende Stadt gehabt. Wie gern würde er nun wieder im warmen Heu schlafen und morgens die Schweine füttern. Doch er wusste, dass er nicht zurückkommen konnte. Noch nicht. Mit der Aufzucht von Schweinen verdiente sein Vater nicht mehr genug. Außerdem wurde die Arbeit immer härter. Und sich selbst als Schweinebauer bis an sein Lebensende, das hatte er sich noch nie vorstellen können. Seine Hände waren zart und feingliedrig. Nicht so plump und groß wie die seines Vaters.
»Jarik ist für etwas Größeres geschaffen«, sagte seine Mutter oft, wenn sie seine Hände betrachtete, zuhörte, wie er von der Malerei sprach oder bei Zeichnungen die Konturen mit seinen langen Fingern nachzog. Sie waren wie lange, menschliche Pinsel, dafür geschaffen, Linien zu ziehen, sie zu verbinden und wie von Geisterhand Figuren, Tiere und Landschaften zu erschaffen. Gerne schaute sie ihm beim Malen über die Schulter, begeisterte sich bereits für einfache Schweine-Zeichnungen, die Jarik abends im Stall im Licht des Mondes angefertigt hatte. Vor seinem Vater musste er die Kohle verstecken.
»Die Malerei ist eine brotlose Kunst. Wie soll er damit eine Familie ernähren?«, brummte sein Vater eines Abends. Er tunkte ein Stück Brot in einen Humpen Bier und biss herzhaft hinein. Während das Bier seine Mundwinkel herabrann und er genüsslich schmatzte, wusste Jarik, dass er keine Gemeinsamkeit mit seinem Vater teilte.

 

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